Wie viele Menschen in Deutschland können nicht lesen und schreiben?
Da muss man etwas unterscheiden: Deutschland hat ungefähr 7,5 Millionen Menschen, die zwar einzelne Wörter lesen und schreiben können, aber an längeren Texten scheitern. Das sind sogenannte funktionale Analphabeten. Und dann gibt es vier Prozent der Bevölkerung, die Wörter lesen können, aber keine Sätze – das sind dann die totalen Analphabeten. Das geht durch viele gesellschaftliche Schichten und betrifft alle Generationen.
Wie wird man in der "Bildungsrepublik" Deutschland, wo man mindestens neun Jahre zur Schule gehen muss, Analphabet?
Das ist eine gute Frage. Ich muss gestehen, dass ich nicht verstehen kann, wie einem Pädagogen Analphabetismus entgehen kann. Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit: Ein damaliger Mitschüler sollte seinen Aufsatz zum Thema "Bleistiftspitzer" vorlesen. Er stand vorn und stammelte. Unser Lehrer sah sich dann sein Heft an, auf dem nichts stand.
Wie meistert ein Analphabet den Alltag in unserer Gesellschaft?
Indem er sein Defizit durch andere Bereiche und Fähigkeiten kompensiert, beispielsweise durch starke Kommunikation. Wobei sich das Reden und Lesen im Grunde genommen häufig ergänzen: Wenn man viel liest, erntet man ja schließlich Wissen.
Weiß die Öffentlichkeit, dass hierzulande so viele Menschen davon betroffen sind?
Ich glaube nicht, dass die Öffentlichkeit diese Zahlen kennt. Wohl aber wird die Öffentlichkeit durch zahlreiche Werbespots auf das Thema aufmerksam gemacht. So bekommt sie mit, dass es mehr Analphabeten gibt, als sie sich vielleicht vorstellen kann.
Rund 60 Prozent der Analphabeten in Deutschland sind Männer. Wie lässt sich sich dieses Ungleichgewicht erklären?
Mit Blick auf meine eigene Schulzeit vermute ich, dass Mädchen einfach zielstrebiger sind. Jungs haben häufig andere Gedanken im Kopf als das Lernen. Sie wollen lieber mit Freunden gemeinsam etwas unternehmen, Fußball spielen, Diskos besuchen und dergleichen. Sicherlich haben Mädchen daran auch Interesse, aber nicht in dem gleichen Ausmaß – eben ganz nach dem Motto: Erst lernen, dann das Vergnügen.
Die Politik versucht, den Betroffenen mit Kursen zu helfen, die allerdings meist Geld kosten. Wären sie umsonst, würden sich doch bestimmt mehr Betroffene dafür anmelden, oder?
Das ist richtig. Wenn es kostenfreie Alphabetisierungskurse gäbe, wären sicherlich diejenigen, die häufig nicht der Mittel- und Oberschicht angehören, eher bereit, an solchen Kursen teilzunehmen. Dennoch glaube ich, dass das größere Problem der öffentliche Umgang mit dem Analphabetismus ist: Davor scheuen sich viele. Deswegen muss man betroffenen Menschen verdeutlichen, dass man darüber hinwegkommt und nicht als "Dummerchen" oder "Hilfsschüler" abgestempelt wird. Vielmehr muss Analphabetismus als ein Defizit dargestellt werden, das behoben werden kann.
Wie unterstützt der Bildungsausschuss des Bundestages die Betroffenen?
Wir informieren darüber, wie der Stand in Deutschland ist. Wir suchen nach Möglichkeiten und Lösungswegen, um Betroffenen zu helfen – auch über die Länder. Da hakt es allerdings gerade noch. Beim Thema Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern sind wir gerade dabei, die Grenzen aufzuweichen. Für Maßnahmen, den Kampf gegen Analphabetismus aufzunehmen, wurde angeregt, 20 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.
Die Vereinten Nationen haben 2003 die "Weltalphabetisierungsdekade" ausgerufen, die in diesem Jahr endet. Wurden die nationalen Ziele in Deutschland erreicht?
Wir wollten die Anzahl derjenigen, die unter dem Problem des Analphabetismus leiden, halbieren. Das ist uns nicht gelungen, von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt. Darum müssen wir das Thema noch mal angehen und beispielsweise in Sitzungen mit Experten weiter intensiv nach Lösungsmöglichkeiten suchen. Und danach durch geeignete Kommunikationsmittel Betroffene darauf aufmerksam machen, wo solche Kurse zur Behebung ihres Analphabetismus stattfinden und was auf sie zukommt.
Wie lässt sich Analphabetismus weiter eindämmen? Müssen Lehrer zum Beispiel besser geschult werden, um die Symptome frühzeitig zu erkennen?
Offensichtlich ja: Wenn einem Pädagogen so etwas durchgeht, sind entweder die Analphabeten geschickt oder die Lehrer desinteressiert. Wo da die Grenze liegt, mag ich nicht beurteilen. Lehrern muss es gelingen, Betroffene zu erkennen und ihnen Analphabetismus als ein Defizit klar zu machen, mit dem sie aber nicht ihr ganzes Dasein lang leben müssen.
Am letzten Vorlesetag der Stiftung Lesen haben Sie Kindern eine Geschichte über Monster vorgetragen. Wie wichtig ist Ihnen persönlich das Lesen?
Gerade in meinem Beruf habe ich gar keine andere Wahl, als mich durch das Lesen von Büchern und Zeitungen, Studien und Berichten zu informieren. Denn ich kann mich ja nicht in jeden Ausschuss setzen. Zum anderen Lesen – als Freizeitvergnügen – komme ich leider nur im Urlaub. Dann darf es auch gern leichte Literatur sein, vorzugsweise James Clavell oder John Grisham.
http://www.mitmischen.de/diskutieren/topthemen/alphabetisierung/interview_gienger/index.jsp











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